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Original in Englisch:
One of the Most Shameful Episodes In Journalistic History
http://www.huffingtonpost.com/charles-thomson/one-of-the-most-shameful_b_610258.html
Eine beschämende Episode in der Mediengeschichte:
Es ist heute 5 Jahre her, dass 12 Juroren
Michael Jackson uneingeschränkt von den verschiedenen Anklagepunkten der Kindesbelästigung, der Verschwörung und der Gabe von Alkohol an ein minderjähriges Kind freisprachen. Schwer zu beurteilen, wie der Michael
Jackson-Prozess in die Geschichte eingehen wird. Vielleicht als ein klassisches Beispiel westlichen Promikults. Vielleicht als ein Beispiel für Lynchen im 21. Jahrhundert. Ich persönlich denke, er wird als die abscheulichste
Episode des Journalismus in Erinnerung bleiben.
Erst wenn man sich durch die Zeitungsarchive gewühlt und Stunden von Fernsehberichten gesehen hat, wird man das wirkliche Ausmaß des Fehlverhaltens der Medien erkennen. Es
war flächendeckend. Zweifelsohne gab es Reporter, Zeitungen und TV-Sender, die ganz offensichtlich auf Seiten der Anklage standen, aber viele der Fehlleistungen der Medien waren systembedingt. Wie gibt man in einem
Medienbetrieb, der stets auf der Suche nach knappen, eingängigen Phrasen ist, 8 Stunden Zeugenbefragung in 2 Sätzen korrekt wieder? Wie widersteht man in einer Zeit sich überschlagender Nachrichten und konstanten Bloggens der
Versuchung, bei der erstmöglichen Gelegenheit aus dem Gerichtssaal zu rennen und über die neuesten sensationslüsternen Beschuldigungen zu berichten, auch wenn dies bedeutet, einen Teil der Zeugenbefragungen des Tages zu
verpassen?
Wenn ich auf den Michael Jackson-Prozess zurückblicke, sehe ich eine außer Kontrolle geratene Medienlandschaft. Man kann sich kaum vorstellen, welcher Abgrund an Propaganda, Voreingenommenheit, Verzerrung und
Fehlinformation sich da auftat. Ein Vergleich der Gerichtsakten mit den Zeitungsberichten macht deutlich, dass der Prozess, so wie er der Öffentlichkeit präsentiert wurde, so gar nichts mit den Ereignissen zu tun hatte, die im
Gerichtssaal stattfanden. In den Protokollen findet sich eine schier endlose Liste von zwielichtigen Zeugen der Anklage, die sich in Widersprüche verwickelten und von denen beinahe stündlich einer unter dem Kreuzverhör
zusammenbrach. Presse und Fernsehen berichteten täglich über die abscheulichsten Anschuldigungen und schmutzigsten Unterstellungen.
Es war der 18. November 2003, als 70 Sheriffs in Michael Jacksons Neverland Ranch
eindrangen. Unmittelbar nach Bekanntwerden dieser Nachricht änderten die Nachrichtensender ihr Programm und gingen zur 24-Stunden-Berichterstattung über. Als sich andeutete, dass Jackson beschuldigt wurde, den krebskranken
Jungen Gavin Arvizo belästigt zu haben, der bekannterweise die Hand Jacksons in Martin Bashirs Dokumentation "Living with Michael Jackson" gehalten hatte, gerieten die Medien außer Kontrolle. Fernsehsender waren so
besessen vom Jackson-Skandal, dass über einen Terroranschlag in der Türkei so gut wie gar nicht berichtet wurde, nur CNN war die gemeinsame Pressekonferenz von George Bush und Tony Blair zum Vorfall eine Meldung wert.
Die drei größten amerikanischen Nachrichtensender brachten sofort mehrstündige TV-Specials zum
Jackson-Fall, obwohl zu dem Zeitpunkt außer der Tatsache, dass es Anschuldigungen gab, nichts bekannt war, und auch die Staatsanwaltschaft keine Fragen beantwortete. CBS widmete dem Thema eine Episode von '48-Hours
Investigates', NBCs Dateline und ABCs 20/20 brachten ebenfalls in kürzester Zeit Jackson-Sondersendungen. In den zwei Tagen der Neverland-Razzia, noch bevor Michael Jackson überhaupt verhaftet wurde, kündigte der Sender VH1
eine halbstündige Dokumentation mit dem Titel "Der Michael Jackson-Sexskandal" an.
Die Zeitung 'Daily Variety' beschrieb die Jackson-Story als "ein Gottesgeschenk für die Medien, wobei speziell die
nationalen und lokalen TV-Sender darauf hofften, auf diese Weise in der so wichtigen letzten Novemberwoche Rekord-Einschaltquoten zu erzielen."
Daily Variety hatte Recht. Die Quoten der Promi-Klatsch-Sender
schnellten in die Höhe, als die Jackson-Story einschlug. Die Einschaltquoten des Promi-TV-Magazins 'Access Hollywood' übertrafen die der Vorwoche um 10%. Die Konkurrenten 'Entertainment Tonight' und 'Extra' erzielten die
höchsten Einschaltquoten der Saison und 'Celebrity Justice' konnte sich über einen Anstieg von 8% freuen.
Zeitungen reagierten ebenso hysterisch wie TV-Stationen: "Pervers!" titelte die New York Daily News. Mit
"J.A.C.K.O: Nun bist Du dran" schlug die Schlagzeile der New York Post in die gleiche Kerbe.
'The Sun', Großbritanniens größte Zeitung, brachte einen Artikel mit der Schlagzeile "He's Bad (er ist
schlecht), He's Dangerous (er ist gefährlich), He's history (er ist Geschichte)". Das Blatt brandmarkte Jackson als einen "Ex-Schwarzen Ex-Superstar", einen "Freak" und ein "verrücktes
Individuum" und rief dazu auf, Jacksons Kinder in Sicherheit zu bringen. "Wenn er nicht ein Pop-Idol mit einem Haufen Geld wäre, dann wäre er schon Jahre zuvor weggesperrt worden."
Angestachelt vom Anstieg
der Zuschauerzahlen durch den Jackson-Skandal, machten es sich die Medien zu ihrer Mission, die Story bis aufs Äußerste auszuschlachten. Tom Sinclair vom Magazin 'Entertainment Weekly': "Medienvertreter vom schmutzigsten
Schmierenreporter bis zum angesehensten Nachrichtenjournalisten überschlugen sich, Material zusammenzutragen, um Kolumnenspalten und Sendezeit mit J.A.C.K.O-Exklusivmeldungen und Talkrunden zu füllen".
"Der
Druck auf die Presseleute ist enorm," so Anwalt Harland Braun zu Sinclair. "So fühlen sich Rechtsanwälte, von denen Du vorher nie gehört hattest, berufen, im TV über einen Fall zu sprechen, den sie überhaupt nicht
kennen."
Sinclair fügt hinzu, "Und nicht nur Rechtsanwälte. Jeder, vom Arzt, Journalisten, Psychiater bis zum Supermarktverkäufer, der Jackson mal bedient hat, meint, dies genügt, sich über Jackson im Fernsehen
und in der Zeitung äußern zu können.
Die Medien hatten vollauf damit zu tun, jede Menge selbsternannter Experten und Leute, die nicht zum engeren Bekanntenkreis Jacksons gehörten, nach ihrer Meinung zum Skandal zu
befragen. Unterdessen bediente sich das Team der Staatsanwaltschaft im Fall Jackson fragwürdiger Methoden, aber die Medien kümmerte dies anscheinend nicht.
Während der Neverland-Razzia überschritt Bezirks-Staatsanwalt
Tom Sneddon, der Jackson bereits 1993 erfolglos strafrechtlich verfolgt hatte, seine Befugnisse, als seine Mitarbeiter in Jacksons Büro eindrangen und eine Unmenge an Geschäftsunterlagen beschlagnahmten, die für den Fall aber
keinerlei Bedeutung hatten. Zudem drangen sie illegalerweise ins Büro eines Mitarbeiters des Verteidigungs-Teams ein und entfernten für Jackson entlastendes Material aus dem Haus seines persönlichen Assistenten.
Sneddon schien außerdem jedes Mal grundlegende Bestandteile seines Falles zu verfälschen, wenn Beweise ans
Licht kamen, die die Behauptungen der Arvizos als unwahr erscheinen ließen. Als er z.B. auf zwei Video-Interviews stieß, in denen die komplette Arvizo-Familie Lobgesänge auf Jackson sang und jeden Missbrauch verneinte, erhob er
Anklage wegen Verschwörung und machte geltend, dass die Familie gezwungen worden sei, die Unwahrheit zu sagen.
In einem ähnlichen Beispiel erklärte Jacksons Anwalt Mark Geragos im Januar 2004 gegenüber NBC, Jackson habe
ein "wasserdichtes Alibi" hinsichtlich der Daten im Anklageprotokoll. Bis Jackson zu den Verschwörungsvorwürfen im April vernommen wurde, waren die Daten zur Kindesbelästigung in vorherigen Fällen um fast zwei Wochen
verschoben worden.
Sneddon wurde später beim offensichtlichen Fälschen von Fingerabdruckbeweisen gegen Jackson erwischt, als er dem Ankläger Gavin Arvizo während des Grand-Jury-Verhörs Pornohefte in die Hand gab, sie
dann in einen Umschlag packte und versendete, um die Fingerabdrücke untersuchen zu lassen.
Nicht nur, dass Medien in ihrer Mehrzahl über diese fragwürdigen und bisweilen auch illegalen Aktivitäten der Anklageseite
hinwegsahen, man schien offensichtlich Gefallen daran zu finden, der vernichtenden Propaganda der Anklageseite ständig neuen Stoff zu geben, obwohl keinerlei unterstützendes Beweismaterial existierte. Zum Beispiel trat
TV-Reporterin Diane Dimond Tage nach Jacksons Festnahme in 'Larry King Live' auf und erwähnte wiederholt einen Stapel Liebesbriefe, die der Star angeblich Gavin Arvizo geschrieben habe.
"Weiß irgendjemand hier von der Existenz dieser Briefe?" fragte King. "Ohne jeden Zweifel", antwortete Dimond. "Ich weiß es. Ich bin mir 100% sicher, dass es sie gibt!"
"Diane, haben Sie sie gelesen?" "Nein, ich habe sie nicht gelesen."
Dimond gab zu, die Briefe nie gesehen zu haben, sie nie gelesen zu haben, berief sich aber auf "zuverlässige
Rechtsquellen". Aber diese Liebesbriefe hat nie jemand zu Gesicht bekommen. Als Dimond sagte, sie sei sich "hundertprozentig sicher", was deren Existenz betreffe, stützte sie ihre Aussage einzig auf Äußerungen
aus Polizeikreisen. Bestenfalls dienten die Polizeiquellen dazu, die Glaubwürdigkeit der Arvizo-Vorwürfe zu untermauern, schlimmstenfalls entstand aus ihnen eine Story, die nur dazu diente, Jacksons Namen zu besudeln. So oder
so, die Geschichte ging um die Welt, ohne dass es auch nur den geringsten Beweis dafür gab.
Es war über ein Jahr nach Jacksons Festnahme und dem Beginn seines Prozesses, und die Medien versuchten alles, um die Story in
der Zwischenzeit auszukochen. Wohlwissend, dass es Michael Jackson gerichtlich untersagt war, sich in der Öffentlichkeit zu den Vorwürfen zu äußern, ließen der Anklage nahestehende Personen Dokumente, wie das Jordan Chandler
Polizeistatement von 1993, durchsickern. Die Medien waren hungrig nach Skandalen und Sensationen und stürzten sich darauf.
Zur gleichen Zeit wurden Beschuldigungen, die in den 90ern von verdrossenen Ex-Angestellten an
die TV-Sender verkauft worden waren, wieder aufgewärmt und als Neuigkeiten präsentiert. Einige Details der Arvizo-Beschuldigungen sickerten ebenso regelmäßig durch.
Während die meisten Medien diese Storys als
Behauptungen und nicht als Fakten präsentierten, hatten Anzahl und Häufigkeit solcher Geschichten, die Jackson mit dem hässlichen Vorwurf des sexuellen Missbrauchs in Verbindung brachten, einen verheerenden Einfluss auf das
Image des Stars, auch deswegen, weil es ihm unmöglich gemacht wurde, sich dagegen zur Wehr zu setzen.
Die Verhandlung begann Anfang 2005 mit der Auswahl der Jury. Von NBC über die Juryauswahl seitens der
Staatsanwaltschaft und der Verteidigung befragt, sagte Dimond, der Unterschied sei, dass die Staatsanwaltschaft nach Jurymitgliedern suche, die eine Ahnung von "Gut und Böse" hätten und die Recht und Unrecht
unterscheiden könnten.
Die Juroren waren kaum ausgewählt, da versuchte Newsweek ihre Autorität schon mit dem Argument zu untergraben, dass eine Jury aus der Mittelschicht die Kläger-Familie Arvizo aus der Unterschicht
wohl kaum fair beurteilen könne. In dem Newsweek-Artikel "Die Klassenkarte ausspielen" stand zu lesen: "Der Jackson-Fall könnte von etwas anderem abhängen als Rassenfragen. Und damit meinen wir nicht die
Beweise."
Als die Verhandlung in Gang kam, war sehr schnell klar, dass der Rechtsfall sehr viele Lücken aufwies. Der einzige "Beweis" der Staatsanwaltschaft waren ein paar Pornohefte für Heterosexuelle und
ein paar legale Kunstbücher. Thomas Mesereau schrieb in einem Antrag: "Die Anstrengungen, Mr. Jackson dafür vor Gericht stellen zu wollen, die größte Bibliothek der Welt zu besitzen, sind alarmierend. Seit den Zeiten des
Nazi-Regimes vor knapp 75 Jahren hat es das nicht mehr gegeben, dass jemand unter dem Vorwand, der Besitz von Büchern bekannter Künstler stelle den Beweis für ein Staatsverbrechen dar, strafrechtlich verfolgt wurde."
Gavin Arvizos Bruder Star ging früh in den Zeugenstand und sagte, er könne zwei Fälle von Missbrauch bezeugen, aber seine Aussagen waren vollkommen widersprüchlich. Betrachtet man den einen Fall des Missbrauchs, so sagte er
vor Gericht aus, Jackson habe Gavin liebkost. In einer früheren Aussage hatte er den Vorfall noch ganz anders beschrieben und angegeben, Jackson habe seinen Penis an Gavins Gesäß gerieben. Auch zu den anderen Vorwürfen machte
er vor Gericht an zwei aufeinander folgenden Tagen zwei verschiedene Aussagen.
Während des Kreuzverhörs zeigte Jacksons Anwalt Thomas Mesereau dem Jungen ein Exemplar der Pornofilmreihe 'Barely Legal' und befragte ihn
wiederholt, ob das die Ausgabe sei, die Jackson ihm und seinem Bruder gezeigt habe. Der Junge bestand darauf, dass es so war, woraufhin Mesereau darlegte, dass die fragliche Ausgabe erst im August 2003 erschienen war, fünf
Monate nachdem die Arvizo-Familie Neverland verlassen hatte.
Aber diese Information ging nahezu völlig unter. Die Medien richteten ihr Augenmerk lieber auf die Anschuldigungen des Jungen als auf das Kreuzverhör, das sie
widerlegte. Anschuldigungen sind immer für griffige Schlagzeilen gut, ein komplexes Kreuzverhör nicht.
Als Gavin Arvizo aussagen sollte, behauptete er, Jackson habe den ersten Missbrauch initiiert mit den Worten, Jungen
müssten masturbieren, sonst würden sie zu Vergewaltigern. Allerdings hatte der Junge, dies bewies Mesereau im Kreuzverhör, bei vorangegangenen Befragungen angegeben, dass diese Äußerung von Gavins Großmutter stammte, nicht von
Jackson. Damit war klar, dass die ganze Anklage auf einer Lüge aufbaute.
Im Kreuzverhör schadete der Junge der Verschwörungs-Theorie der Staatsanwaltschaft sehr mit seiner Aussage, er habe auf Neverland niemals Angst
gehabt und habe auch nie von dort weg gewollt. Auch wichen seine Aussagen zum angeblichen Missbrauch von denen seines Bruders ab.
Unglücklicherweise für Jackson wurde das Kreuzverhör von den Medien praktisch komplett ignoriert, da die
Presse viel lieber darüber berichtete, dass Jackson an diesem Tag in Schlafanzughosen vor Gericht erschien. Dafür muss man wissen, dass Michael Jackson am ersten Tag der Vernehmung Gavins in seiner Dusche ausrutschte,
Lungenquetschungen erlitt und ins Krankenhaus gebracht werden musste.
Als Richter Rodney Melville Jackson mit einer Zwangsvorladung drohte, wenn er nicht binnen einer Stunde erschiene, beeilte sich Jackson und kam in den
Pyjamahosen zum Gericht, die er getragen hatte, als er ins Krankenhaus gebracht wurde.
Die Fotos von Jackson im Pyjama gingen um die Welt, oftmals ohne seine Verletzung zu erwähnen oder den Grund, warum er den Pyjama
trug. Viele Journalisten unterstellten ihm, das Ganze inszeniert zu haben, um Mitleid zu erregen. Obgleich "Mitleid“ die letzte Vokabel wäre, die einem einfallen würde, um die Reaktionen der Medien zu beschreiben.
Der Vorfall schreckte die Medien nicht davon ab, die entsetzlichen Aussagen des Jungen am nächsten Tag rund um den Globus zu schicken. Manche stellten die Aussage des Jungen sogar als Tatsache dar und nicht als Mutmaßung.
"Er sagte, dass Jungen möglicherweise zu Vergewaltigern werden, wenn sie es nicht tun - Krebskranker Junge Gavin Arvizo erzählt dem Gericht über ***** Sex", so titelte der englische „Mirror“.
Sobald es aber um
das Kreuzverhör des Jungen ging, sah die Sache schon wieder ganz anders aus. Es wurde weitestgehend nicht darüber berichtet. Anstatt Storys über die Lügen Gavins und die widersprüchlichen Aussagen der beiden Jungen zu bringen,
waren die Zeitungen voller abfälliger Bemerkungen über Jacksons Pyjama, obwohl der "Pyjama-Tag" schon Tage vorher durch war. Tausende von Worten wurden verschwendet darauf, ob Jackson nun eine Perücke trug oder nicht
und die Sun brachte sogar einen Artikel, in dem sie Jackson wegen seiner Anhänger, die er an seiner Weste trug, angriff. Die Presse schien gewillt, alles zu schreiben, um nicht vom Kreuzverhör berichten zu müssen, das die
Argumentation der Staatsanwaltschaft schwer ins Wanken brachte.
Von widerlichen Anschuldigungen zu berichten, aber das Kreuzverhör auszulassen, das sie selbst in Misskredit gebracht hätte, war eine Taktik, die sich wie
ein roter Faden durch den gesamten Prozess zog. Im April 2005 erklärte der Fox-Kolumnist Roger Friedman in einem Interview bei Radiomoderator Matt Drudge: "Nicht berichtet wird, dass das Kreuzverhör diesen Zeugen in der
Regel das Genick bricht." Sobald etwas Obszönes oder Dramatisches über Jackson gesagt wurde, stürzten sich die Medien draußen darauf, um darüber zu berichten, beim anschließenden Kreuzverhör waren sie schon nicht mehr
dabei.
Drudge stimmte zu und ergänzte: "Du bekommst gar nicht so schnell mit, wie sich ein Zeuge nach dem anderen in Luft auflöst. Es hat in der letzten Zeit nicht mal einen Zeugen gegeben, der nicht gestanden hat,
in früheren Verfahren - entweder in diesem oder in einem anderen Fall - einen Meineid geleistet zu haben."
Dieser alarmierende Trend, das Kreuzverhör zu ignorieren, war wohl am augenscheinlichsten in der
Berichterstattung über Kiki Fourniers Aussage. Beim direkten Verhör durch die Staatsanwaltschaft bezeugte Fournier - eine Haushälterin in Neverland - dass Kinder, die Neverland besuchten, oft über die Stränge schlugen. Sie
hätte manchmal Kinder gesehen, die so hyperaktiv gewesen seien, dass sie durchaus betrunken gewesen sein könnten. Die Medienvertreter rannten nach draußen, um über diese vermeintliche Sensation zu berichten und verpassten so
eine der für den gesamten Prozess wichtigsten Zeugenaussagen.
Beim Kreuzverhör durch Thomas Mesereau sagte Fournier aus, dass während der letzten Wochen der Familie
Arvizo auf Neverland – die Zeitspanne, in der die Belästigungen angeblich begonnen hätten - die Gästezimmer der beiden Jungen ständig in Unordnung waren, und sie schloss daraus, dass die Jungen in ihren eigenen Zimmern
schliefen und nicht in Jacksons Schlafzimmer.
Sie sagte auch aus, dass Star Arvizo, Gavin's Bruder, einmal in der Küche ein Messer zog. Für Fournier sah das nicht nach einem Spaß aus und sie vermutete, er "wolle
damit seine Macht demonstrieren".
Es war ein verheerender Schlag gegen die Staatsanwaltschaft, deren Verschwörungsanklage zunehmend zur Lachnummer verkam, als sich Fournier über die Annahme amüsierte, irgendwer
könne unfreiwillig auf Neverland gefangen gehalten werden. Sie erklärte den Geschworenen, dass es um das Grundstück keinen hohen Zaun gab und dass die Familie zu jeder Zeit "mit Leichtigkeit" hätte gehen können.
Als Janet Arvizo, die Mutter von Gavin und Star, als Zeugin vernommen werden sollte, ahnte Tom Sneddon schon Schlimmes. Sie sagte aus, dass ihr die Aussagen in einer Videoaufnahme von ihr und ihren Kindern, in der sie
Jackson priesen, Wort für Wort von einem Deutschen, der jedoch kaum Englisch sprach, vorgeschrieben worden wären. Ausschnitte zeigten, wie sie Jackson in den höchsten Tönen lobte und dann geniert schaute und fragte, ob sie
aufgenommen würde. Sie sagte, dass auch das ihr vorher aufgeschrieben worden sei.
Sie sagte aus, sie sei auf Neverland gefangen gehalten worden, obwohl Einträge ins „Logbuch“ zeigten, dass sie die Ranch dreimal während
ihrer "Gefangenhaltung" verlassen hatte und zurückgekommen war. Ans Licht kam auch, dass gegen sie zu diesem Zeitpunkt wegen Sozialbetrugs ermittelt wurde und dass sie außerdem wegen der Krankheit ihres Sohnes
unberechtigterweise staatliche Unterstützung bekam, obwohl die Kosten bereits durch die Krankenversicherung abgedeckt waren.
Selbst die glühendsten Unterstützer der Staatsanwaltschaft mussten zugeben, dass Janet Arvizo
eine katastrophale Zeugin der Anklage war. Außer Diane Dimond, die im März 2005 Janet Arvizos Sozialbetrug (sie wurde nach dem Prozess gegen Jackson verurteilt) als allumfassenden Beweis für Jacksons Schuld zu nutzen schien.
Sie schrieb einen schockierenden Artikel in der New York Post mit der Überschrift "Pädophile sind nicht auf der Suche nach Kindern aus Heile-Welt-Familien."
Als die Staatsanwaltschaft sah, dass ihre
Argumentation mehr und mehr in sich zusammenfiel, wandte sie sich an den Richter und bat, auch Beweise aus "früheren schlechten Taten" zuzulassen. Ihr wurde die Erlaubnis erteilt. Die Staatsanwaltschaft teilte der
Jury mit, dass sie Aussagen von fünf früheren "Opfern" hören würden. Aber diese fünf Fälle stellten sich als noch mehr an den Haaren herbeigezogen heraus als der Arvizo-Fall.
Ganze Heerscharen verärgerter
Sicherheitsleute und Hauspersonals traten in den Zeugenstand, um auszusagen, dass sie Zeugen einer Belästigung gewesen seien, hauptsächlich an drei Jungen: Wade Robson, Brett Barnes und Macauley Culkin. Aber diese drei Jungen
waren die ersten Zeugen der Verteidigung, und jeder von ihnen sagte aus, dass Jackson sie niemals angefasst habe und waren verärgert darüber, dass jemand überhaupt so denken konnte.
Außerdem kam heraus, dass jeder dieser früheren Angestellten entweder von Jackson wegen Diebstahls
entlassen worden war oder einen Prozess wegen ungerechtfertigter Kündigung verloren hatte, mit dem Ergebnis, dass sie Jackson erhebliche Geldsummen schuldeten. Sie hatten es auch versäumt, der Polizei zu erzählen, wann sie
Fälle von Kindesbelästigung beobachtet haben wollten. Sogar zum 1993er Chandler-Fall hatten sie nichts zu erzählen, obwohl sie danach versuchten hatten, der Presse entsprechende Storys anzubieten - manchmal mit Erfolg. Je mehr
Geld im Spiel war, desto obszöner wurden die Anschuldigungen.
Roger Friedman beklagte in einem Interview mit Matt Drudge, dass der Umstand, dass diese Zeugen ins Kreuzverhör genommen wurden, in den Medien keinerlei
Widerhall fand, die Berichterstattung war einseitig geworden. Friedman: "Als es am Donnerstag losging, begann die erste Stunde mit Ralph Chacon, jemand, der auf der Ranch als Wachmann gearbeitet hatte. Er erzählte eine
ganz abscheuliche Geschichte. Mit ganz plastischen Worten. Und natürlich rannte jeder nach draußen, um darüber zu berichten. Aber da waren noch die zehn Minuten direkt vor der ersten Pause am Donnerstag, als Tom Mesereau Chacon
ins Kreuzverhör nahm und ihn platt machte."
Das vierte "Opfer", Jason Francia, ging in den Zeugenstand und behauptete, dass Jackson ihn als Kind bei drei verschiedenen Gelegenheiten belästigt habe. Als man
ihn zu Einzelheiten dieser "Belästigung" befragte, gab er zu Protokoll, Jackson habe ihn dreimal durch die Kleidung hindurch gekitzelt und er habe jahrelang Therapie gebraucht, um darüber hinwegzukommen. Die Jury
verdrehte die Augen, aber die Journalisten, darunter der MSNBC-Korrespondent Dan Abrams, verkündeten, Francia sei "überzeugend" und prophezeiten, dass er der Zeuge sein könne, der Jackson hinter Gitter bringen könnte.
Die Medien behaupteten wiederholt, dass die Anschuldigungen Francias schon 1990 gemacht wurden, damit die Zuhörer glaubten, dass die Anschuldigungen Jordy Chandlers vordatiert seien. Obwohl Jason Francia zufolge die
sexuelle Belästigung im Jahr 1990 stattfand, berichtete er erst darüber, als der Mediensturm über Chandlers Vorwürfe losbrach. Genau zu dem Zeitpunkt erhielt seine Mutter Blanca Francia (ein Dienstmädchen auf Neverland), prompt
$ 20.000 von 'Hard Copy' für ein Interview mit Diane Dimond und weitere $ 2.4 Millionen im Rahmen einer Einigung mit Jackson.
Darüber hinaus zeigten Abschriften von Polizeivernehmungen, dass Francia seine Geschichte
wiederholt verändert hatte. Ursprünglich hatte er immer beteuert, nie belästigt worden zu sein. Aus den Abschriften ging auch hervor, dass er nur aussagte, belästigt worden zu sein, nachdem die Polizisten während der Befragung
wiederholt Grenzen überschritten hatten. Die Polizisten betitelten Jackson mehrmals als "Kindersch*nder". Einmal sagten sie dem Jungen, dass Jackson Macauley Culkin genau in dem Moment belästigen würde, als sie
Francia vernahmen, und dass Culkin nur zu retten wäre, wenn Francia ihnen gestehe, dass er von Jackson sexuell missbraucht worden sei. Die Abschriften belegten auch, dass Francia zuvor über die Polizei gesagt hatte, "Sie
wollten, dass ich mit Sachen rausrücke, sie haben gedrängt. Ich wollte ihnen nicht nach dem Mund reden."
Das fünfte "Opfer" war Jordy Chandler, der lieber außer Landes gegangen war, anstatt gegen seinen
ehemaligen Freund auszusagen. Thomas Mesereau sagte später in diesem Jahr in einem Vortrag in Harvard: "Die Anklage versuchte ihn dazu zu bringen, vor Gericht zu Erscheinen, aber er wollte nicht. Wäre er gekommen, hätte
ich Zeugen gehabt, die bezeugen konnten, dass Chandler ihnen gegenüber erwähnt habe, dass nie etwas passiert sei und dass er nie wieder mit seinen Eltern reden wolle, für das, was sie ihn zwangen auszusagen. Er wäre vor Gericht
gegangen und hätte dort die rechtliche Unabhängigkeit von seinen Eltern erwirkt."
June Chandler, Jordys Mutter, sagte aus, sie habe 11 Jahre nicht mit ihrem Sohn gesprochen. Nach dem 1993er
Fall befragt, schien sie an einem schweren Fall selektiver Wahrnehmung zu leiden. Einmal behauptete sie, sie könne sich nicht erinnern, von Michael Jackson verklagt worden zu sein, ein anderes Mal sagte sie, noch nie von ihrem
eigenen Anwalt gehört zu haben. Sie war auch nie Zeugin irgendwelcher sexuellen Belästigung.
Wenn die Anklage pausierte, schienen die Medien das Interesse an der Verhandlung zu verlieren. Der Argumentation der
Verteidigung wurde vergleichsweise wenig Raum in den Zeitungen und Übertragungen gegeben. Die Zeitschrift 'Hollywood Reporter', die ansonsten kontinuierlich über den Jackson-Prozess berichtete, verpasste zwei ganze Wochen, in
denen die Verteidigung ihre Argumente vortrug. Die Haltung schien so zu sein, dass - sofern die Aussagen nicht drastisch und schlüpfrig waren und damit für eine Schlagzeile gut - es nicht wert war, darüber zu berichten.
Die Verteidigung rief zahlreiche sehr wichtige Zeugen auf; Jungen und Mädchen, die immer wieder mit Jackson Zeit verbracht und noch nie unangemessenes Verhalten bemerkt hatten, Mitarbeiter, die gesehen hatten, wie sich die
Arvizo-Jungen in Jacksons Abwesenheit selbst mit Alkohol versorgten und andere Prominente, bei denen die Ankläger ebenfalls um Almosen gebettelt hatten. Aber wenig von diesen Aussagen kam an die Öffentlichkeit. Als
Bezirks-Staatsanwalt Tom Sneddon den schwarzen Komiker Chris Tucker während seines Kreuzverhörs als "Bübchen" bezeichnete, entlockte das den Medien nicht mal ein Wimpernzucken.
Als beide Seiten pausierten,
wurde den Juroren gesagt, dass sie Jackson freisprechen müssten, wenn sie begründete Zweifel an den Anklagepunkten hätten. Jeder, der das Verfahren aufmerksam verfolgt hatte, konnte sehen, dass die Anschuldigungen so abstrus
waren, dass es nicht mehr lustig war. Fast jeder einzelne Zeuge der Anklage leistete entweder selbst Meineid oder half durch seine Aussagen der Verteidigung. Es gab nicht die Spur eines Beweises dafür, dass Jackson eine
Straftat begangen hatte, und es gab auch keinen einzigen glaubwürdigen Zeugen dafür.
Aber das hielt Journalisten und Experten nicht davon ab, Jackson bereits im Vorfeld schuldig zu sprechen. CNNs Giftspritze Nancy Grace
führte das Feld an. Verteidiger Robert Shapiro, der einst die Familie Chandler vertreten hatte, behauptete felsenfest auf CNN: "Er wird verurteilt werden." Ex-Staatsanwalt Wendy Murphy zu Fox News: "Keine Frage,
wir werden hier Verurteilungen zu sehen bekommen."
So hysterisch die Fans vor dem Gerichtsgebäude waren, so aufgeregt waren die Reporter, die sich im Saal Sitzplätze gesichert hatten, und Richter Rodney Melville
wies sie an, sich zu "mäßigen". Thomas Mesereau sagte rückblickend, dass die Medien schon darüber gegeifert hätten, dass sie Jackson zum Gefängnis geschleift hätten.
Als die Jury Jackson in allen 14
Anklagepunkten 'nicht schuldig' sprach, waren die Medien "gedemütigt", sagte Mesereau in einem späteren Interview. Medien-Analyst Tim Rutten kommentierte später: "Also, was passierte, als Jackson in allen
Anklagepunkten freigesprochen wurde? Rote Gesichter? Sich die Angelegeheit noch einmal durch den Kopf gehen lassen? Zur Abwechslung mal in sich gehen? Vielleicht ein Ausdruck des Bedauerns darüber, Jackson so schnell
vorverurteilt zu haben? Nein. Stattdessen war die Reaktion Wut, reichlich gespickt mit Verachtung und dem Ausdruck des Nicht-Glauben-Könnens. Zielscheibe waren die Juroren...Die Hölle kann nicht so wüten wie die unersättliche
Medien-Meute, wenn sie dich in ihren Klauen hat."
In einer Pressekonferenz nach dem Urteil bezeichnete Sneddon weiterhin Gavin Arvizo als "Opfer"
und deutete an, der "Promi-Faktor" habe die Jury in ihrer Urteilsfähigkeit beeinträchtigt - eine Sprachregelung, die sich viele Medienexperten zu eigen machten, um die Autorität der Juroren und ihre Entscheidung zu
untergraben.
Innerhalb von Minuten nach der Ankündigung erschien Nancy Grace in der Gerichtsshow 'CourtTV' und behauptete, dass die Juroren von Jacksons Ruhm geblendet worden seien, und sie stellte die bizarre Behauptung
auf, dass das einzige schwache Glied der Anklage Janet Arvizo gewesen sei.
"Ich habe gerade eine Kröte zu schlucken", sagte sie. "Dass mir das schmeckt, kann ich nicht behaupten. Aber wissen Sie was? Ich
bin auch nicht überrascht. Ich dachte mir schon, dass die Berühmtheit ein so großer Faktor ist. Wenn man denkt, man kennt jemanden, weil man seine Konzerte gesehen, seine Musik gehört, seine Texte gelesen hat und glaubt, sie
seien von Herzen gekommen…Obwohl er kein einziges Mal in den Zeugenstand berufen wurde, verbreitet Jackson großes Charisma. Das hat eine Wirkung auf die Jury."
"Ich werde keinen Stein auf die Mutter werfen,
obwohl ich denke, dass sie das schwache Glied in diesem Fall war, aber das überrascht mich nicht. Ich dachte, dass die Jury zu Gunsten der Zeugen abstimmen würde, die von angeblichen früheren Kindesbelästigungen berichteten.
Anscheinend hat die Verteidigung sie mit dem Kreuzverhör der Mutter überrollt. Ich denke darauf läuft es hinaus, schlicht und einfach."
Nancy Grace gab später an, dass Jackson "nicht schuldig war nur, weil er
berühmt sei" und wurde beobachtet, wie sie versuchte, Jury-Obmann Paul Rodriguez zur Aussage zu bewegen, er glaube, Jackson habe Kinder sexuell belästigt. Einer der Gäste von Grace, Psychoanalytikerin Bethany Marshall,
erhob persönliche Angriffe gegen eine weibliche Jurorin und bezeichnete sie als "eine Frau, die kein Leben hat."
Drüben auf Fox News, brandmarkte Wendy Murphy Jackson als "den Kindersch*nder, an dem nichts
haften bleibt, wie an einer Teflon-Pfanne" und sagte, dass es nötig sei, die Juroren IQ-Tests zu unterziehen. Später fügte sie hinzu: "Ich bin überzeugt, ausschlaggebend ist der Promi-Faktor, nicht die Beweislage. Ich
glaube nicht, dass die Juroren auch nur einen Schimmer davon haben, wie sehr sie durch den Status von Michael Jackson beeinflusst wurden... Sie haben im Grunde alle Kinder, die von nun an in Michael Jacksons Leben treten
werden, zu Freiwild gemacht, insbesondere die am meisten gefährdeten."
Rechts-Analytiker Jeffrey Toobin vertrat gegenüber CNN die Ansicht, bei den Aussagen zu früheren Fällen von Kindesbelästigung handle es sich um
"schlagkräftige Beweise", auch wenn verschiedene Jungen, die im Zentrum dieser Aussagen standen, als Zeugen der Verteidigung auftraten und bestritten hatten, jemals belästigt worden zu sein. Er behauptete auch, dass
die Verteidigung nur gewonnen hatte, weil es ihr gelungen war, "Geschichten zu erzählen, und Juroren Geschichten immer besser verstehen als irgendwelche Einzelfakten."
Nur Robert Shapiro war angesichts der
Urteile würdevoll und riet den Zuschauern, die Entscheidung der Juroren zu akzeptieren, weil die Juroren aus "einem sehr konservativen Teil Kaliforniens" stammten und "wenn diese keinen Zweifel hegen, sollte auch
keiner von uns irgendwelche Zweifel haben."
Am folgenden Tag bekräftigte Diane Sawyer auf Good Morning America ihre Ansicht, dass das Urteil von Jacksons Promi-Status beeinflusst worden sei. "Sind Sie
sicher?" so ihre eindringliche Frage: "Sind Sie sicher, dass dieser gigantisch berühmte Kerl, wenn er in den Raum kam, überhaupt keinen Einfluss hatte?"
Die 'Washington Post' kommentierte den Prozess:
"Ein Freispruch wäscht ihn nicht rein, er trübt nur das Wasser." Sowohl die New York Post als auch die New York Daily News erschienen mit der abfälligen Überschrift "Boy, Oh, Boy!"
In ihrem
abschließenden New York Post-Artikel über den Prozess äußerte Diane Dimond ihr Bedauern über den Freispruch und vertrat die Ansicht, dass Michael Jackson dadurch unantastbar geworden sei. Sie schrieb: "Er ging aus dem
Gericht als freier Mann, nicht schuldig in allen Anklagepunkten. Aber Michael Jackson ist viel mehr als nur "frei". Er hat nun einen Freibrief, sein Leben so zu leben wie und mit wem immer er will, denn wer wird jetzt
noch versuchen, ihn jemals wieder strafrechtlich zu verfolgen?"
In der britischen Tageszeitung 'The Sun' verfasste die überall präsente Society Expertin und Tratschtante
Jane Moore einen Artikel mit dem Titel "Wenn die Jury sich einig ist, dass Janet Arvizo eine schlechte Mutter ist (und das IST sie)… Wieso ließen sie Jackson dann gehen?". Er begann damit: "Michael Jackson ist
unschuldig. Gerechtigkeit wurde geschaffen. Zumindest wollen uns die Verrückten vor dem Gerichtsgebäude dies glauben machen." Sie fuhr damit fort, die Zurechnungsfähigkeit der Geschworenen in Frage zu stellen sei und
schrieb das amerikanische Rechtssystem als "unausgegoren" ab. "Nichts und niemand geht hier als wirklicher Gewinner aus diesem jämmerlichen Durcheinander hervor," sagte sie abschließend, "am
allerwenigsten das, was sie lächerlicherweise amerikanische "Gerechtigkeit" nennen."
Ally Ross, eine Kolumnistin der 'Sun' tat Jacksons Fans als "traurige, einsame Deppenköpfe" ab. Ein anderer
Artikel der Sun, von Daytime-TV Moderatorin Lorraine Kelly verfasst, mit dem Titel "Vergiss die nach wie vor gefährdeten Kinder nicht….J.A.K.O.S. eigene", nannte Jackson unverhohlen einen schuldigen Mann. Kelly – die
zu keiner Zeit beim Jackson-Prozess vor Ort war – beklagte, dass Jackson "ungestraft davonkommt", und beschwerte sich darüber, dass "Jackson, statt im Gefängnis zu verkümmern, wieder zu Hause in Neverland
ist." Jackson, so fasste sie zusammen, war "ein trauriger, kranker Verlierer, der seinen Ruhm und sein Geld dazu benutzt, die Eltern jener Kinder, an denen er Gefallen findet, zu täuschen."
Nach der
anfänglichen Empörung verschwand die Michael-Jackson-Story langsam aus den Schlagzeilen. Eine Analyse der "Nicht schuldig"-Urteile und der Gründe dafür gab es kaum. Ein Freispruch wurde als weniger einträglich
angesehen als eine Verurteilung.
Tatsächlich sagte Thomas Mesereau Jahre später, dass, wenn Jackson verurteilt worden wäre, eine Art "Hinterhofindustrie" entstanden wäre, bei der die Medien noch Jahre danach
eine tägliche Story hervorgebracht hätten. In einer schier endlosen Saga hätten Themen wie das Sorgerecht für Jacksons Kinder, die Kontrolle seines finanziellen Imperiums, andere "Opfer", die eine Zivilklage
einreichen und die langwierigen Berufungsverfahren jeweils über Monate, Jahre, vielleicht sogar über Jahrzehnte, tausende Geschichten hervorgebracht.
Jacksons Gefängnisaufenthalt hätte die Medien mit immer neuen
Gratis-Schlagzeilen versorgt: Wer besucht ihn? Wer nicht? Ist er in Einzelhaft? Wenn nicht, wer sind seine Zellengenossen? Was ist mit seinen Gefängniswärtern? Hat er im Gefängnis eine Brieffreundin? Dürfen wir mit einem
Helikopter über den Gefängnishof fliegen und ihn beim Trainieren filmen? Es gab unzählig viele Möglichkeiten. Noch bevor die Jury mit den Beratungen begann, wütete ein Bieterkrieg darüber, wer die ersten durchgesickerten Fotos
von Jackson in seiner Zelle bekommen würde.
Ein "Nicht schuldig"- Urteil war bei weitem nicht so lukrativ. In einem Interview mit Newsweek erinnert sich CNN- Boss Jonathan Klein, wie er die "Nicht
schuldig"- Urteile eingehen sah und dann zu seinen Stellvertretern meinte, "Wir haben nun eine weniger interessante Story." Der 'Hollywood Reporter' merkte an, dass hastig zusammengestellte TV-Specials über
Jacksons Freispruch schlecht liefen und ihre Einschaltquoten unter denen einer Wiederholung der Show Nanny 911 lagen.
Die Geschichte war vorbei. Es gab keine Entschuldigungen und keine Widerrufe. Es gab keine genauen
Untersuchungen – keine Nachforschungen oder Ermittlungen. Niemand wurde zur Rechenschaft gezogen für das, was Michael Jackson angetan wurde. Die Medien begnügten sich damit, die Leute weiterhin ihre stark verzerrte und als
grenzwertig zu bezeichnende, unwahre Schilderung des Prozesses glauben lassen zu können. Das war es.
Als Michael Jackson starb, überschlugen sich die Medien abermals. Welche Mittel töteten ihn? Wie lange
hatte er sie schon eingenommen? Wer hatte sie verschrieben? Was war außerdem in seinem Körper zu finden? Wie viel wog er?
Aber es gab eine Frage, die – so schien es – niemand stellen wollte: Warum?
Warum war
Michael Jackson derartig gestresst und von Angstzuständen geplagt, dass er nicht einmal vernünftig schlafen konnte, ohne dass ihm jemand eine Kanüle eines Narkosemittels in den Arm jagte? Ich denke, die Antwort ergibt sich aus
den Ergebnissen der verschiedenen Meinungsumfragen, die nach Michael Jacksons Prozess durchgeführt wurden.
Eine Umfrage, die von Gallup in den Stunden nach dem Urteil durchgeführt wurde, zeigte, dass 54 % der weißen
Amerikaner und 48 % der Gesamtbevölkerung mit dem "Nicht schuldig" der Jury nicht einverstanden waren. Aus der Umfrage ging weiter hervor, dass 62 % der Bevölkerung der Meinung waren, Jacksons Promistatus habe einen
maßgeblichen Einfluss auf den Ausgang des Verfahrens gehabt. 34 % sagten, sie seien "traurig" und 24 % "schockiert" über das Urteil. In einer Umfrage der Fox News sagten 37 % der Wähler, dass das
Urteil „falsch“ sei, während weitere 25 % anmerkten, dass "sich Prominente Gerechtigkeit kaufen". Eine Umfrage von People Weekly ergab, dass unglaubliche 88 % der Leser dem Urteil der Jury nicht zustimmten.
Die
Medien hatten beide, ihr Publikum und Jackson böse ausgetrickst. Nachdem Michael Jackson sich durch einen aufreibenden, grauenhaften Prozess gekämpft hatte, gespickt mit abscheulichen Anschuldigungen und Rufmord-Attacken, hätte
er sich rehabilitiert fühlen sollen, als die Jury 14 einstimmige "nicht schuldig"- Urteile verkündete. Aber die unverantwortliche Berichterstattung der Medien über den Prozess machte es Jackson unmöglich, sich jemals
richtig rehabilitiert zu fühlen. Das Rechtssystem mag ihn für unschuldig erklärt haben, aber das vorherrschende Bild, das die Öffentlichkeit nach wie vor von ihm hatte, sah anders aus. Anschuldigungen, die vor Gericht widerlegt
wurden, gingen kritiklos durch die Presse. Fragwürdige Zeugenaussagen wurden als Tatsachen dargestellt. Die Argumente der Verteidigung wurden so gut wie völlig ignoriert.
Wenn die Jury auf diejenigen angesprochen wurde, die die Urteile anzweifelten, antwortete sie, "Sie haben nicht gesehen, was wir sahen."
Sie haben Recht. Das haben wir nicht. Aber das hätten wir tun sollen. Und
jene, die uns entsprechende Informationen vorenthalten haben, behalten ihre Jobs, als wenn nichts gewesen wäre, - ungestraft und frei, genau das Gleiche irgendjemand Beliebigem anzutun.
Das nenne ich nun Ungerechtigkeit.
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